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Lernen im Regen zu tanzen

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Ein hochmotivationaler, lebensbejahender, ein heute fang ich mit dem Rest meines Lebens an Satz. Du setzt deinen Daumen drunter, sollten sich andere auch mal zu Herzen nehmen, denn bei dir selbst ist doch irgendwie alles okay. Du willst zwar jeden Tag alles besser machen, nur nicht heute, nur heute ist es so anstrengend, da machst du noch eine Pause und bleibst. Statt zu gehen. Du bleibst im immergleichen windstillen Tornado, du drehst dich bewegungslos im Kreis, die Welt ist dein Museum, das du mit geschlossenen Augen bestaunst. Du nimmst dir vor, murmelst die guten Vorsätze ins Sektglas und hast dem wachsenden Stapel weiser Wochenzeitungen seit der Bestätigung des Abos keine Aufmerksamkeit geschenkt.  Die Wurzeln deiner Sehnsucht gießt du für den Schein der anderen, sie rufen in dir nur eine vage Erinnerung hervor an das, was irgendwann mal aus ihnen wachsen sollte. Nichts, dafür ein Smartphone und ein Computer und ein Tablet und ein sicherer Job und ein Alibi Sport und ein buntes Bild eines immer online Konjunktivs, aber nichts in der Hand. Ein Daumen und du scrollst weiter und nimmst teil am Leben der anderen, du liegst in deinem Bett und du schenkst deine Zeit den Leuten, die nichts davon wissen, und eigentlich ist die frische Luft vom Fenster doch genug, und daneben die verstaubten Literaturklassiker, die dein Bücherregal so gebildet aussehen lassen. Deine Normalverteilung ist perfekt, immer hast du dich brav der gewöhnlichen Individualität der Gesellschaft gebeugt, das den Erwartungen entsprechend hast du dir seit der Grundschule zum Motto gemacht. Du kennst deine Maske auswendig und dich selbst nicht mehr, angepasst, aussortiert, hängst du an den Fäden der Puppenspieler. Es ist bequem, es funktioniert und irgendwie bist du im großen und ganzen gesund, dein Glück heißt Standard und deine Belohnung Konsum. Sechzehn Stunden werden gefüllt mit den Erwartungen entsprechend, du bist die perfekte Marionette, und seit Jahren liegt neben deiner Hand eine Schere, und einst wusstest du, wozu sie zu gebrauchen war, aber heute schneidest du nur noch die Blumen aus dem Supermarkt. Und eines Tages, da werden die Stricke reißen und du wirst fallen und du wirst merken, dass du nicht mehr alleine gehen kannst. Du wirst merken, dass Konjunktive keine Geschichten erzählen und Daumen keine Abenteuer bedeuten und dass dein Abo abgelaufen ist und deine weisen Bücher zerfallen und dass der morgendliche Kaffee nicht mehr schmeckt und dass die Blumen ausverkauft sind. Und du schreist stumm all deine Unzufriedenheit in die Welt, die dich noch nie gehört hat, und dann wachst du auf.

Lasst uns endlich unsere Masken abnehmen, lasst uns unsere Schwächen eingestehen, lasst uns über Gefühle reden und auf Häuser klettern und Nächte durchtanzen und Tage durchleben und lasst uns ehrlich sein und das zuhören lernen und kreischend durch den Regen tanzen, lasst uns rot zu lila kombinieren und schief singen und endlich anfangen, Träume zu machen statt sie zu fantasieren, lasst uns zum Horizont laufen und Fehler machen und noch mehr aus ihnen lernen und die Bücher lesen, auf die wir Lust haben, lasst uns ohne schlechtes Gewissen einen Tag im Bett liegen und dann durch die Felder rennen und alle Vorurteile vergessen und unsere Mundwinkel nach oben ziehen, lasst uns auf unsere eigene Stimme hören und Sonnenuntergänge schön finden dürfen und Akzeptanz in Unterschieden statt Einheit finden, lasst uns endlich diese immergleiche Reserviertheit ablegen und lachen und weinen und ausprobieren und teilen. Lasst uns die Stricke durchtrennen, bevor sie reißen.

 

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